Samstag, 4. April 2015

Steiners eigen Deutung des Entstehens seines Buch Theosofie versus Entwurf für einen Ankündigungstext von SKA 6 CrCl


Wie kann Rudolf Steiners "Theosophie" heute kritisch verstanden werden?


Entwurf für einen Ankündigungstext von SKA 6: (unten der Text)

Beim Textkritischen Untersuchung durch Clement wurden unterstehende naehere Eingaben Steiners nicht beruecksichtigt, Weil Theosophie ein geschriebenes Buch ist und unterstehendes von Steiner spaeter in Vortraege genannt wurde. (diese sind also kein Thema von Textkritisches Untersuchungen und man kann deshalb ruhig spekulieren).

GA 254 ZWEITER VORTRAG, 11. Oktober 1915 Die Theosophische Gesellschaft, ihre mediumistischen Forschungsmethoden und der individuelle Erkenntnisweg der Geisteswissenschaft- Sonderzwecke gewisser Geheimorden - Das Fiasko des Spiritismus- Die besondere Persönlichkeit der Blavatsky - Die Gründung der Theosophischen Gesellschaft - Die Vorgeschichte der Gründung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaftund die Entwickelung der geisteswissenschaftlichen Bewegung.
GA 258 FüNFTER VORTRAG, Dornach, 14. Juni 1923 Der Antichristianismus und seine Heilung. Notwendigkeit eines neuen Mysterienweges, um das Mysterium von Golgatha zu erobern. Richtkräfte der zwei ersten Perioden. Bis 1907 mußte jeder Schritt für die Anthroposophie erobert werden gegen die Tradition der Theosophischen Gesellschaft. Beispiel: der Zeitbegriff im Kamaloka und das Buch «Theosophie». Der Münchner Kongreß 1907. Der indische Einschlag bei Blavatsky und Annie Besant und die kulturpolitisch egoistische Tendenz, das Abendland geistig durch den Orient zu besiegen. Der Orden «Stern des Ostens» und der Ausschluß der Anthroposophischen Bewegung von der Theosophischen Gesellschaft. Die Entwicklungsperiodender anthroposophischen Bewegung.

Exempel:


GA 254 ZWEITER VORTRAG, 11. Oktober 1915
Man hatte sich bei den Mitteilungen,die dazumal schon in der Theosophical Society veröffentlicht waren,auf Forschungen gestützt, die in gewisser Beziehung etwas mit mediumistischen Forschungen zu tun haben. Das heißt, es wurde eine Persönlichkeitin eine Art von mediumistischen Zustand gebracht, man kann nicht sagen Trance, aber in eine Art von mediumistischen Zustand,und es wurden dann auch die Bedingungen hergestellt, die es möglich machten, daß die Persönlichkeit, die sich nicht im gewöhnlichen Bewußtsein befand, doch Mitteilungen machte über dasjenige, was man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht erreichen kann. Auf diesem Wege waren die Mitteilungen in jener Zeit zustande gekommen, und dasbetreffende Mitglied der Theosophical Society meinte, daß Mitteilungen über vorgeschichtliche Ereignisse nur auf diesem Wege gewonnen werden und fragte daher, welche Persönlichkeit wir unter uns hätten,die wir in dieser Weise als ein Medium für solche Forschungen benützen können.Da ich ablehnen mußte, auf diesem Wege zu forschen und streng auf dem Boden des individuellen Forschens stand, und da ich dazumal schon alles lediglich durch eigenes persönliches Forschen gefunden hatte, so verstand mich die betreffende Persönlichkeit überhaupt nicht.Sie verstand nicht, um was es sich da handelte, sie verstand nicht, daß es sich um etwas anderes handelte als um das, was man in der Theosophischen Gesellschaft bisher getan hatte. Das war aber der Weg, der mir vorgeschrieben war: alles, was vorheriger Forschungsweg war, abzulehnen, und wenn auch mit Mitteln übersinnlicher Anschauungen, sodoch so zu forschen, wie man forscht, wenn man sich nur desjenigen bedient, was als Offenbarung gegeben werden kann der Persönlichkeit, die zugleich die Forscherpersönlichkeit ist. Es ist nach alledem, wie ich in die spirituelle Bewegung einzugreifen habe, nichts anderes möglich, als in strengster Weise diese Ihnen oft geschilderte, für die moderne Welt und für die gegenwärtige Menschheit zweifellos notwendige Forschungsmethode geltend zu machen. Sie sehen:Bedeutsames trennt die ganze Forschungsmethode der Geisteswissenschaft von den Wegen, die in der Theosophical Society eingeschlagenworden sind.


GA 258 FüNFTER VORTRAG, Dornach, 14. Juni 1923 

Nun muß man sich nur klar darüber sein, welche Stellung die auftretende Anthroposophie diesen Menschen, diesen heimatlosen Seelen gegenüber hatte. Nicht wahr, das waren suchende Seelen,das waren fragende Seelen. Und zunächst handelte es sich darum,zu erkennen: Was fragen diese Seelen, welche Fragen leben ihnen in ihrem tiefsten Inneren? - Und wenn nun von anthroposophischer Seite aus zu diesen Seelen gesprochen worden ist, so war es deshalb ,weil diese Seelen Fragen hatten über die Dinge, auf welche Anthroposophie glaubte antworten zu können. Die anderen Menschen der Gegenwart haben ja keine Fragen, ihnen fehlen die Fragen .Anthroposophie hatte also gar nicht die Aufgabe, unter den Theosophen Erkenntnis zu suchen. Für sie war es zunächst eine wichtige Tatsache, was mit der Erscheinung der Blavatsky in die Welt getreten ist. Aber dasjenige, was sie zu beobachten hatte, war nicht die Erkenntnis, die von jener Seite kam, sondern es war im wesentlichen die Notwendigkeit, die Fragen, die Rätselfragen kennenzulernen, die in einer Anzahl von Seelen waren. Man hätte, wenn man dazumal überhaupt die Möglichkeit gehabt hätte, die Sache klar auszudrücken, sagen können: Um dasjenige,was von den Führern der Theosophischen Gesellschaft den Menschengegeben worden ist, braucht man sich gar nicht zu kümmern,aber um das muß man sich kümmern, was die Seelen fragen, was sie wissen wollen. Deshalb waren dennoch diese Menschen eben zunächst die richtigen Menschen für die Anthroposophie. In welcher Formulierung mußten die Antworten erfließen? Nun,nehmen Sie die Sache so positiv, so tatsächlich als möglich. Da waren diese fragenden Seelen. Ihre Fragen konnte man erkennen. Sie hatten den Glauben, daß sie durch so etwas Antwort bekommen auf ihre Fragen, wie es zum Beispiel Annie Besants Buch «Uralte Weisheit» enthält. Nun werden Sie sich sehr leicht sagen können:Es wäre selbstverständlich töricht gewesen, den Leuten zu sagen,das oder jenes ist in dem Buch «Uralte Weisheit» für die neuere Zeit nicht mehr geeignet, denn da hätte man ja diesen Seelen nichts geboten, sondern ihnen nur etwas weggenommen. Es konnte sich nur darum handeln, ihre Fragen wirklich zu beantworten, während sie von der anderen Seite keine reinliche Antwort bekamen. Die wirkliche Beantwortung wurde nun so eingeleitet, daß, während zunächst die «Uralte Weisheit» sozusagen ein dogmatisches Buch unter diesen Menschen war, ich mich wenig um die «Uralte Weisheit» kümmerte, sondern mein Buch «Theosophie» schrieb und Antwort auf die Fragen gab, von denen ich wußte, daß sie gestellt werden. Das war die positive Antwort. Und weiter brauchte man nicht zu gehen. Man mußte den Leuten nun völlig die Freiheit lassen:Wollt ihr weiter die «Uralte Weisheit» in die Hand nehmen,oder wollt ihr die «Theosophie» in die Hand nehmen .In weltgeschichtlichen Zeitaltern, in denen sich Wichtiges entscheiden muß, können die Dinge nicht so rationalistisch geradlinig liegen, wie man sich gewöhnlich vorstellt. So fand ich es denn durchaus begreiflich, daß, als Theosophen bei meinem damaligen Vortragszyklus über Anthroposophie bei der Begründung der deutschen Sektion erschienen waren, diese Theosophen gesagt haben,worauf ich Sie ja in diesen Betrachtungen schon aufmerksam gemacht habe: Ja, aber das stimmt ganz und gar nicht überein mit dem, was Mrs. Besant sagt. Selbstverständlich stimmte es nicht, konnte auch nicht stimmen, denn es sollte aus dem, was aus dem Bewußtsein, aus dem vertieften Bewußtsein der Gegenwart heraus gegeben werden kann, die Antwort sich finden. Und so ist es schon geworden, wenn ich zunächst, ich möchte sagen, mehr die großen Fäden charakterisieren will, daß zunächst etwa bis zum Jahre 1907 jeder Schritt für die Anthroposophie erobert werden mußte gegen die Tradition der Theosophischen Gesellschaft. Man konnte zunächst nur an die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft die Dinge heranbringen. Jeder Schritt mußte erobert werden. Polemisches hätte dazumal gar keinen Sinn gehabt, sondern einzig und allein das Hoffen, das Bauen auf die Selektion.Die Dinge trugen sich durchaus nicht ohne innere Hemmungen zu. Jedes mußte an seiner richtigen Stelle, wenigstens nach meiner Meinung, richtig getan werden. Ich habe, wie ich glaube, in meiner «Theosophie» keinen Schritt über dasjenige hinaus getan, was dazumal für eine Anzahl von Menschen zu veröffentlichen möglich war. Die Verbreitung, die mitlerweile das Buch gefunden hat, zeigt ja,daß das eine richtige Voraussetzung war. So weit konnte man gehen. Unter denen, die intensiver suchten, die also in die Strömung, die durch Blavatsky angeregt worden war, hineingekommen waren, konnte man weiter gehen. Da mußte man den Anfang damit machen, nun weiter zu gehen.

Wenn man die Geschichte der anthroposophischen Bewegung 
nicht ernst nimmt und diese Dinge nicht beim rechten Namen nennen will, so wird man auch nicht in der richtigen Weise auf dasjenige entgegnen können, was immer wiederum jene Oberflächlinge über die Beziehungen von Anthroposophie und Theosophie vorbringen, indem man sich absolut nicht davon unterrichten will, wie Anthroposophie vom Anfange an eben etwas ganz Selbständiges war, aber wie es natürlich war, zu antworten mit den Antworten,die sie den Menschen geben kann, die eben als Fragende da waren. 



Entwurf für einen Ankündigungstext von SKA 6:






In seiner Theosophie unternahm Rudolf Steiner den Versuch, die in der theosophischen Literatur seiner Zeit vorgefundenen Anschauungen von den Wesensgliedern des Menschen, von Reinkarnation und Karma, von den nachtodlichen Erlebnissen der Seele und von den Entwicklungsmöglichkeiten des menschlichen Bewusstseins in einer solchen Weise darzustellen und genetisch neu zu entwickeln, dass sie sich einerseits als bildlich-imaginative Darstellung und Fortführung jener idealistischen Anschauungen verstehen ließen, welche Steiner in seinem philosophischen Frühwerk in Auseinandersetzung mit dem deutschen Idealismus ausgebildet hatte, und sich andererseits als in vollkommenem Einklang mit den naturwissenschaftlichen und besonders den evolutionstheoretischen Anschauungen seiner Zeit stehend erwiesen. So entstand eine spirituelle Anthropologie mit dem Anspruch, die mystische, die philosophische und die naturwissenschaftliche Betrachtung des Menschen zu einer Einheit zusammenzuführen. An der sprachlichen Form dieses ambitionierten Projektes arbeitete Steiner in immer neuen Umarbeitungen bis zu seinem Lebensende und entwickelte dabei zunehmend die spezifischen Denk- und Ausdrucksformen anthroposophischer Geisteswissenschaft. Der vorliegende Band, der die Textentwicklung dieses Zentralwerks der Anthroposophie durch sechs Auflagen von 1904 bis 1922 dokumentiert, wird ergänzt durch die Fragment gebliebene Skizze einer Anthroposophie aus dem Jahre 1910.
Clement.

and nachdem einiges diskutiert wurde:

Christian ClementMontag, 16. März 2015 um 18:13:00 MEZ

Nun fragt der Verleger nach einem Text von nicht mehr als 600 Zeichen.
Daher hier mein neuerlicher Versuch:

"In seiner Theosophie unternahm Rudolf Steiner den Versuch, das theosophische Menschenverständnis seiner Zeit (Blavatsky, Besant, Leadbeater) mit seiner Interpretation des deutschen Idealismus und der haeckelschen Evolutionslehre zu einer wissenschaftlich-philosophischen und zugleich spirituellen Anthropologie zusammenzudenken. An deren sprachlicher und konzeptioneller Form arbeitete er von 1904 bis 1922 in immer neuen Umarbeitungen und entwickelte dabei die Grundzüge der anthroposophischen Menschenkunde. Der vorliegende Band, der die Textentwicklung dieses Zentralwerks der Anthroposophie dokumentiert und kritisch begleitet, wird ergänzt durch die Fragment gebliebene Skizze einer anthroposophischen Sinneslehre aus dem Jahre 1910."

In der Deutung von Marc David Hoffmann:

Seit seinem ersten Kontakt mit der Theosophischen Gesellschaft 1900 in Berlin hatte sich Steiner dieser Bewegung zunehmend angenähert, und er knüpfte in seinen Schriften an deren Terminologie und Vorstellungswelt an. Clements Variantenapparat zeigt nun, wie stark diese Bindung zunächst war und wie intensiv Steiner dann an einer Emanzipation von der «orientalisierenden» Theosophie arbeitete, um zu einer selbständigen Darstellung seines eigenen spirituellen Forschens zu gelangen. Während die ersten Auflagen in der literarischen Anlage noch weitgehend dem theosophischen Autoritätsgestus des Lehrer-Schüler-Verhältnisses folgten, zeigen die Überarbeitungen deutlich die Bemühungen Steiners um die Autonomisierung des individuellen Entwicklungswegs, eines Weges, der ohne hierarchische Abhängigkeit von einem spirituellen Meister zu gehen ist.

nachtrag 

Kommentare:

  1. Interessant, warum pleonastisch? Ich finde, das ist gerade besonders charakteristisch für Steiner, dass er versucht, Dinge, die in den Texten Besant einfach mehr oder weniger mechanisch "hingepfahlt" und dann definiert werden (etwa die Wesensglieder), genetisch auseinander zu entwickeln. Wobei er stets von simplen, unstreitigen Tatsachen ausgeht, die jeder selbst beobachten kann, und daraus dann organisch Gedanken zu entwicken sucht und der Leser sich so irgendwann in der Esoterik befindet, ohne den Übergang bemerkt zu haben. Anders formuliert: im Gegensatz zu Besant steht bei Steiner die begriffliche Entwicklung am Anfang, und das Ergebnis, etwa die Wesensgliederlehre, kommt dann, wie in der natürlichen Evolution, am Ende dabei heraus.

    Dieses "genetische" Schreiben (Stichwort Gedankenkunst) wäre übrigens, auch wenn bestimmte Stimmen jetzt wieder vor Schmerz aufheulen werden, prinzipiell auf Fichte zurückzuführen und ist durchaus keine originelle Idee Steiners.

    Von Christian Clement am Samstag, 14. März 2015 um 13:53:00 MEZ unter Egoisten eingestellt.

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  2. "Da es in der Anthroposphie um Geistes-Wissenschaft geht, also um eine Betrachtung der inneren geistig-seelischen (esoterischen) Erlebnisse nach Art der Naturwissenschaft ... ist die genaue Beobachtung des eigenen seelisch-geistigen Lebens meiner Ansicht nach eine der wichtigsten Säulen auch von Steiners „Theosophie“.Ich kann das in keiner Weise unwissenschaftlich finden"

    Völlig einverstanden. Aber wenn man nun schriebe: "die Theosophie ist, drittens, ein Versuch Steiners, seine eigenen übersinnlichen Erfahrungen mit den Aussagen Annie Besants zu vereinbaren" dann ist das nicht gerade ein überzeugendes Argument für die Wissenschaftlichkeit der Darstellung. Sondern klingt eher wie ein persönlicher Rechtfertigungsversuch.

    "Eventuell könnte man noch einen Sinn darin erblicken, daß er zu Beginn bloß „innertheosophisch-literaturwissenschaftlich“ gearbeitet hätte, aus Rücksicht auf seine Mitgliedschaft in der theosophische Gesellschaft; dann aber hätte seine Auseinandersetzung mit den deutschen Idealisten hier (und daher auch in Deiner Buchanzeige) nichts verloren."

    Finde ich nicht. Der Bezug zum Deutschen Idealismus macht Steiner für Nicht-Anthroposophen interessant und legitim. Aus dieser Perspektive kann man über Steiner ernsthaft diskutieren, ohne sich wissenschaftlich zu kompromittieren (vgl. Traubs Ansatz). Das gehört daher unbedingt in eine Werbetext hinein. - Der Anspruch auf Hellsichtigkeit hingegen ist, meiner Meinung nach, immer noch der zentrale Punkt, an dem die meisten wissenschaftlich denkenden Menschen bei Steiner zurückprallen. Ein Schlagwort, auf das man reflexartig mit Ablehnung reagiert. Dass das Konzept der Hellsichtigkeit bei Steiner selbst ein wissenschaftliches sein könnte und somit dieser Reflex vielleicht unberechtigt ist - dass kann man im Buch selbst diskutieren, aber nicht in einer Ankündigung von 160 Worten unterbringen. Also das Reizwort lieber weglassen.

    Daher ist mein Vergleich vielleicht doch nicht so unpassend. Vielleicht könnte man noch stärker formulieren. Der Versuch, einem Wissenschaftler die "Theosophie" mit dem Hinweis schmackhaft zu machen, darin stünden Steiners hellseherische Einsichten, wäre etwa so, wie wenn ich jemanden ins Kino einlade und beifüge "Ich hatte schon ein Jahr keinen Sex mehr." Trotz aller Wahrheit, Berechtigung und Natürlichkeit des Faktums, stünde die entrüstet ablehnende Reaktion schon fest.

    "Vor dem Hintergrund, daß gerade diese „dritte Säule“ vielen Anthroposophen heute als die allerwichtigste gilt; daß Steiner selbst gesagt hat, er habe zur Zeit seiner Mitgliedschaft in der Theosophischen Gesellschaft nichts gesagt, daß er nicht zuvor in sich selbst gefunden hatte"

    Mir geht es vor allem darum, die Relevanz Steiners für den akademischen Diskurs aufzuweisen. Auf die seelischen Bedürftigkeiten der Anthroposophen kann ich nur insoweit Rücksicht nehmen, als dieses primäre Ziel nicht beeinträchtigt wird. - Es liegt übrigens, meines Erachtens, ein Kurzschluss darin anzunehmen, dass der Theosoph Steiner, wenn er darauf besteht, nur Selbsterlebtes zu schildern, sich damit notwendig auf Erlebnisse bezieht, die er VOR oder UNABHÄNGIG von seiner Begegnung mit der Theosophie gemacht hat. Liegt es nicht auf der Hand anzunehmen, dass Steiner bestimmte Erfahrungen erst in der Auseinandersetzungen mit den theosophischen Texten gemacht hat und in DIESEM Sinne von "Selbsterlebtem" spricht? Im Lichte dessen, was wir jüngst über das "Entdeckungsprivileg" diskutiert haben, erscheint dies sogar als Notwendigkeit. Nach diesem von Steiner selbst formulierten Gesetz KANN er ja, streng genommen, NICHTS von dem, was in den theosophischen Schriften steht, selbst entdeckt haben, bevor er diese Schriften gelesen hatte.

    Von Christian Clement am Samstag, 14. März 2015 um 16:05:00 MEZ unter Egoisten eingestellt.

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  3. Mein Lösungsvorschlag zur Vermeidung überlanger Threads: das zu Nichts führende Hickhack hier beenden und anderswo was Konstruktives beitragen. Zum Beispiel zu meiner Frage nach der "Theosophie" im neuen Thread.

    Ich geh gleich mal mit gutem Beispiel voran und steige offiziell aus diesem Gesprächsfaden aus. Keine Reaktionen mehr von meiner Seite auf die Provokationen aus den Niederlanden. Nur noch zur Sache.

    Von Christian Clement am Sonntag, 15. März 2015 um 22:17:00 MEZ unter Egoisten eingestellt.

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  4. Danke, Mischa, für diese Gedächtnisauffrischung. Mit dieser Überschau im Hinterkopf, würdest du meine Inhaltsangabe absegnen oder hättest du Einwände?

    Insbesondere, wenn ich schreibe dass Steiner "Anschauungen von den Wesensgliedern des Menschen, von Reinkarnation und Karma, von den nachtodlichen Erlebnissen der Seele und von den Entwicklungsmöglichkeiten des menschlichen Bewusstseins" "in der theosophischen Literatur seiner Zeit vorgefundenen" hat und dann versuchte, mit diesen auf die beschriebene Weise umzugehen. Da wird natürlich, wie Ingrid bereits prophezeiht hat, aus einer bestimmten Ecke wieder der Vorwurf kommen, ich wollte Steiner zum Plagiator und Betrüger stempeln. Unsinn, wie ich finde, aber ich frage mal ehrlich in die Runde: sieht das irgendjemand hier (ausser Kees) auch so?

    Kleiner Vorblick auf SKA 6: In den ersten drei Ausgaben der "Theosophie" zitiert Steiner ausdrücklich aus Besant, verweist auf Leadbeater, benutzt Beispiele von beiden Autoren und benennt für alle Wesensglieder und Wirklichkeitsebenen die gebräuchlichen theosophischen Namen, einschließlich des Sanskrit (alles freilich 1914 gestrichen). Also, dass er die theosophische Literatur kannte und benutzte, kann wohl nicht bestritten werden. Auch nicht die Tatsache, dass er den ursprünglichen theosophischen Kontext später verborgen hat, aus welchen Gründen auch immer.

    Von diesem Faktum ausgehend auf den Inhalt blickend, scheint mir meine Formulierung eine durchaus begründete Deutungsperspektive zu sein. Gibt es anthroposophischerseits sachliche Einwände? Gern auch anonym.

    Von Christian Clement am Montag, 16. März 2015 um 04:24:00 MEZ unter Egoisten eingestellt.

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  5. Vielleicht doch noch mal ein Versuch, zur ursprünglichen Frage dieses Threads zurückzukehren: "Wie kann die Theosophie heute kritisch verstanden werden?"

    Kritisch verstehen heisst ja, unter anderem, zu einem Verständnis kommen, ohne irgend etwas vorauszusetzen, was sich nicht im Text selbst unmittelbar nachweisen lässt. Also eine Deutung vom Text aus, ohne jedes Hellsehen, ohne Hinschielen auf die GA und ohne naive Akzeptanz von Steiners Selbstdeutung. Oder noch anders: ein Verständnis, zu dem jeder, und nicht nur ein Anthroposoph kommen kann.

    Mein Angebot lautete (in der nunmehr offiziellen Fassung ):

    "[Die Theosophie] dokumentiert Steiners intensives Eintauchen in die theosophische Gedankenwelt Annie Besants und Charles Leadbeaters um die Jahrhundertwende und seinen Versuch einer Harmonisierung derselben mit seiner eigenen, stark vom deutschen Idealismus sowie von der Entwicklungslehre Ernst Haeckels geprägten ›Philosophie der Freiheit‹ von 1894."

    Weniger formal gesagt: Kann man die "Theosophie" verstehen als eine Art Rekapitulation des Menschenbildes der PdF, aber jetzt in den Denkformen Besants (und natürlich erweitert um das Konzept von Reinkarnation und Karma, das 1894 noch nicht da war, sowie um den Schulungsweg).

    Oder, andersrum formuliert, ist Steiners "Theosophie" eine Repakitulation von Besants Theosophie, jetzt aber neu gedeutet, philosophisch-genetisch neu entwickelt und vertieft aus der Perspektive der "Philosophie der Freiheit"? Also eine Phänomenologie des Menschenwesens mittels des Bildes von den "Wesensgliedern" (statt, wie bei Besant, eine naiv-realistische und zudem bloße mechanische Auflistung von Wesensgliedern).

    In beiden Fällen wäre die Schrift zu deuten als Versuch Steiners, den gedanklichen Inhalt seiner PdF an die Theosophenschaft zu vermitteln, in einer ihr verständlichen Sprache und mit dem ihr vertrauten Vokabular und Metaphernarsenal.

    Das alles natürlich mit einigen neuen Zutaten, wie schon gesagt. Diese Zutaten sind freilich 1904 noch 100% Besant (ist beim Schulungsweg unfraglich, beim Karma zunächst Hypothese, die noch am Text geprüft werden muss), erst in den Folgeauflagen entwickelt Steiner sein eigenes Konzept von Reinkarnation und Karma. Das Schulungskapitel hingegen verbleibt im Wesentlichen auf dem epigonalen Stand von 1904; Steiner hatte ja mittlerweile in "Wie erlangt man" und "Geheimwissenschaft" bereits viel substantiellere Darstellungen vorgelegt.

    Das wäre, in nuce, die These für meine Einleitung zu SKA 6. Gibt es Einwände?

    Von Christian Clement am Freitag, 20. März 2015 um 00:32:00 MEZ unter Egoisten eingestellt.

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  6. Lieber Stephan, ich meine das so. Besant setzt uns die Wesensglieder einfach vor die Nase, wie Oberlehrer Putlich in der Feuerzangenbowle: "Wat ham wa heute? Ach ja, den Menschen. Also: Wat isn Mensch? Nu, der Mensch besteht aus: Physischem Leib, Astralleib, usw. usw" Und dann erklärt sie, was das ist - als ob Astralleiber und Geistselbste wie Tische und Stühle einfach so vorhanden wären. Man kanns glauben oder nicht glauben.

    Steiner geht von der Beschreibung konkreter seelischer und geistiger Phänomene aus, bis der Leser eine innere Vorstellung davon hat, und klebt erst am Ende das Prädikat "Wesensglied" drauf: also er beschreibt das Gefühls- und Wunschleben und schließt dann: in der Theosophie nennt man diese Erlebnissphäre den "Astralleib". Oder er beschreibt das Erlebnis des reinen Denkens und sagt dann am Ende: "In der Geisteswissenschaft kann man diese Erlebnissphäre die "Bewusstseinsseele" nennen."

    Es werden also zuerst innere Erlebnisse geschildert, und das am Ende draufgeklebte "Wesensglied" ist nur die Etikette, die es zum einen anschaulich und memorierbar macht und dem Leser ein Wort an die Hand gibt, zugleich aber die Gefahr mit sich bringt, dass der "naive Realist" jetzt das Bild für die Sache, das Erlebbare für ein Vorhandenes, das "Wesensglied" für ein Ding in Raum und Zeit hält, wie andere "Glieder" - z B. ein Fingerglied oder ein Kettenglied (nicht, was du jetzt gedacht hast ...).

    Und, ja: wer einen Atlas anschaut und meint, er würde jetzt Amerika sehen, der ist ein naiver Realist; genau wie jener, der vor seinem Anatomiebuch sitzt und glaubt, er würde einen menschlichen Körper sehen. Beide sehen nur Bilder der Wirklichkeit.

    Genau so kriegt der Leser der Theosophie in den Wesensgliedern Bilder vorgesetzt für eine Wirklichkeit, die aber (anders als Amerika) prinzipiell nicht gesehen oder angefasst, sondern nur erlebt werden kann. Das Reden vom "Sehen" des Astralleibs beim Hellsehen ist ja auch wieder nur ein Bild - für ein Erleben, das mit der das Sehen begleitenden Empfindung verglichen werden kann.

    Muss man sich immer wieder klar machen. Auch Doktor Steiner hat, nach eigenem Bekunden, nie im Leben einen Astralleib oder einen Engel "gesehen"!

    Also, in einem Wort. Durch die Optik der Steinerschen "Theosophie" kann auch der kritischste Denker sich ersthaft mit etwas auseinandersetzen, was er bei Besant als rein spekulative Metaphysik bzw. als ein Reden vom Weihnachtsmann zurückweisen müsste.

    Von Christian Clement am Freitag, 20. März 2015 um 07:34:00 MEZ unter Egoisten eingestellt.

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  7. Wer den Zusammenhang zwischen Steiner und Besant nachvollziehen möchte, kann dies, wie Mischa sagte, anhand ihrer Hauptschrift tun:

    The Ancient Wisdom. An Outline of Theosophical Teachings. London u. a. 1897. [Dt.: Die uralte Weisheit. Eine kurzgefasse Darstellung der Lehren der Theosophie. Leipzig 1898.]

    Etwas detaillierter sind die sogenannten "sieben Handbücher" der Theosophie, die von Besant (1-4 und 7) und Leadbeater (5 und 6) veröffentlicht wurden. In diesen Texten wird die Vorbildfunktion der beiden Engländer für Steiner noch deutlicher, bis in die Reihenfolge der Darstellung der Themen: Wesensglieder - Karma und Reinkarnation - Seelenwelt und Geisterwelt.

    No. 1: The Seven Principles of Man;
    No. 2: Reincarnation;
    No. 3: Death – and After?
    No. 4: Karma.
    No. 5: The Astral Plane;
    No. 6: The Devachanic Plane
    No. 7: Man and his Bodies

    Zum Vergleich der Schilderung von Aura und Gedankenformen, vgl.

    Besant, Annie / Leadbeater, Charles: Thought Forms. New York 1905. [Dt.: Gedankenformen. Leipzig 1908.]

    Zur Übereinstimmung des Schulungsweges von 1904 mit Besant vgl:

    The Path of Discipleship. Four Lectures 1895. London u. a. 1896. [Dt.: Der Pfad der Jüngerschaft. Vier Vorträge. Leipzig 1896.]

    Die Texte sind allesamt auf google-books einsehbar. Ich werde vielleicht ein kleines Archiv auf der SKA Webseite einrichten.

    Von Christian Clement am Montag, 23. März 2015 um 13:17:00 MEZ unter Egoisten eingestellt.

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  8. Als weitere Anregung und Inspiration zum Studium, hier zwei Zitate aus der Erstausgabe von Steiners "Theosophie" von 1904:

    „Mit Recht beschreibt Annie Besant in der ›Uralten Weisheit‹ die fünfte Region so: »Sie stellt eine besonders leuchtende und strahlende Erscheinung dar, die … das Beiwort ‘astral‘, d. i. ›sternenhell‹ rechtfertigt«“

    „Ich möchte ausdrücklich betonen, daß ich mich gerne korrigieren lasse von anderen Forschern. Die Beobachtungen auf diesem Feld sind natürlich unsicher. Und diese Unsicherheit läßt sich gar nicht vergleichen mit der, die schon auf dem physischen Feld möglich ist, obwohl doch auch diese – Forscher wissen es – eine sehr große ist. Ich mache zur Vergleichung mit meinen Angaben auf die Schrift C. W. Leadbeaters: »Man visible and invisible« aufmerksam, die 1902 in London, Theosophical publishing Society, erschienen ist.“

    Von Christian Clement am Montag, 23. März 2015 um 13:26:00 MEZ unter Egoisten eingestellt.

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